Hitze bedeutet Stress für die Reben

WEINBAU: Hohe Temperaturen und Trockenheit machen sich in den Lagen der Region bemerkbar / Teilweise werden Anbauflächen bewässert

Von der Sonne verwöhnt! Mit diesem Slogan wirbt der badische Weinbauverband für die Erzeugnisse der Region. Doch: Zu viel Sonne schadet den Reben.

Konrad Schlör sieht in seinem Weinberg nach dem Rechten: Wie alle Winzer der Region wünscht er sich für die nächsten Wochen viel Regen. Bild: FN / Gabel

WERTHEIM. Wärme und Hitze. „Das sind zwei ganz verschiedene Dinge“, sagt Konrad Schlör am Mittwoch.
Mit Schwung öffnet er die hohe Glastür des Weinberghäusles. Später soll hier in der Lage „Reicholzheimer First“ eine Weinprobe stattfinden. Im Moment steht die Luft im Gastraum. Gut, dass es heute windig ist. Die Äste der Weinstöcke wiegen im Wind, unter den Blättern blitzen die noch erbsengroßen, dunkelgrünen Trauben hervor.

Hitze schadet den Stöcken

„Wärme ist im Weinbau immer gut. Hitze, wie wir sie am vergangenen Wochenende hatten, dagegen kontraproduktiv. Ab zirka 30 Grad hört die Rebe auf zu wachsen“, erklärt der Berufswinzer. Besonders junge Stöcke leiden unter Hitze und anhaltender Trockenheit, denn ihre Wurzeln reichen nicht so tief ins Erdreich wie die der älteren Pflanzen. Rund sechs Liter Wasser braucht ein Stock bei einer Temperatur zwischen 25 und 30 Grad.

„Die Hitzeperiode bedeutet Stress pur für die Reben. Mittlerweile sind auch bei den älteren Pflanzen in allen Lagen des Taubertals entsprechende Anzeichen zu finden“, bestätigt Weinbauberater Roland Zipf vom Landwirtschaftsamt im Main-Tauber-Kreis.

Kurze, kühle Perioden wie aktuell sind für den Weinberg nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Die zwei Liter Regen von der Nacht waren heute Morgen schon wieder aufgebraucht. Für die Reben ist das nur wie eine kurze Dusche“, sagt Schlör. Er beobachtet das Wetter stets intensiv: „Im Frühjahr war es lange kühl und feucht, dann wurde es schnell warm und trocken. Bereits ab Mai hatten wir zu wenig Regen.“

„Wir bräuchten ganz einfach Wasser“, bringt Martin Baumann vom gleichnamigen Dertinger Weingut den Wunsch aller Winzer auf den Punkt. „Ein schöner Landregen wäre jetzt ein Traum“, sagt Michael Braun, Geschäftsführer der Becksteiner Winzer Genossenschaft. 40 bis 50 Liter pro Quadratmeter Regen sollten es verteilt über die kommenden drei Wochen sein, ergänzt Schlör. Sobald die Reife der Trauben jedoch beginnt, sollte es wieder trocken sein.

Damit die Reben die derzeitige Trockenheit besser vertragen, setzt Schlör auf Bodenbearbeitung: In jeder zweiten Reihe hat er die Begrünung mit einem Grubber gelockert, um die Kapillarwirkung – die Durchlässigkeit des Bodens für Wasser – zu erhöhen. Auch Weinbauberater Roland Zipf rät den Winzern, den Boden oberflächlich zu bearbeiten. Zudem sollte die Begrünung der Reihen kurz gehalten werden. Und: „Wo es möglich ist, kann bewässert werden“, empfiehlt Zipf.

Großflächig bewässert werden am heutigen Donnerstag zwischen 18.30 Uhr am Abend bis in Nacht die Weinberge der Becksteiner Winzer in Gerlachsheim. 40 Hektar Rebfläche werden beregnet, etwa 20 Liter Wasser pro Quadratmeter gehen dabei nieder. Der Methode, den Boden umzuarbeiten, stehen die Becksteiner kritisch gegenüber. „Das ist aus unserer Sicht nicht sinnvoll“, sagt Michael Braun. Für Winzer Schlör ist dagegen das Bewässern keine Option. Die letzte Tropfbewässerungsanlage hat der Reicholzheimer im vergangenen Jahr abgeschafft. „Das passt für mich nicht ins ökologische Gleichgewicht“, findet er. Um die Weinstöcke zu entlasten und damit die Qualität zu erhalten, hat Schlör bei größeren Müller-Thurgau-Anlagen Trauben ausgeschnitten. Das eigentliche Ausbrechen findet erst in den nächsten beiden Wochen statt, da die Trauben sonst zu groß werden.

Sonnenbrandgefahr

Neben der Trockenheit kann auch die starke Sonneneinstrahlung den Trauben schaden. „Sobald die Früchte erbsengroß sind, können sie Sonnenbrand bekommen. Die Früchte werden dann braun und vertrocknen“, erklärt Schlör. Deshalb müssten Blätter moderat gepflegt werden. Dazu rät auch der Rebschutzdienst Bad Mergentheim in einer Mitteilung: „Eine Entblätterung von der Sonnenseite sollte nur sehr moderat durchgeführt werden“, heißt es dort.

Roland Zipf hat in den Weinbergen der Region bisher noch keine verbrannten Trauben entdeckt. Allerdings hat die Sonne an den Blättern mancher Stöcke Spuren hinterlassen, beispielsweise im Weinberg von Martin Baumann. Dem Winzer ist aufgefallen, dass sich an zwei Sorten gesunde Blätter verfärben.

Rückschlüsse auf die spätere Qualität des Weines können die Winzer derzeit noch nicht ziehen. „In ein bis zwei Wochen kann sich viel ändern. Die letzten Wochen vor der Ernte sind entscheidend“, weiß Schlör. 30 bis 40 Prozent des Ertrags würden im September gemacht, betont Zipf. Möglich sei, dass man in diesem Jahr zwar kleine, dafür aber besonders aromatische Beeren ernten könne. Zuversichtlich sind auch Baumann und Braun.

Gleichzeitig wollen die Winzer nicht zu optimistisch sein – die Erinnerungen an das vergangene Jahr sind noch frisch. Damals folgte auf einen trockenen Frühsommer ein verregneter August.
© Fränkische Nachrichten – Katharina Gabel, Donnerstag, 09.07.2015